Am 23. August 2017 ereignete sich im Bergell ein gewaltiger Bergsturz. Über drei Millionen Kubikmeter Fels lösten sich von der Nordostflanke des Piz Cengalo. Eine Lawine aus Fels, Schutt und Schlamm donnerte mit einer Geschwindigkeit von 250 Kilometer pro Stunde talwärts. Sie forderte acht Menschenleben und richtete grosse Zerstörungen an Land, Gebäuden, Strassen und Brücken rund um Bondo und Promontogno an. Weitere kleinere Abbrüche folgten. Dank einem Auffangbecken konnten noch grössere Schäden verhindert werden. Die Bevölkerung von Bondo wurde vorübergehend evakuiert. Seither sind die Aufräumarbeiten, soweit es die Vorsichtsmassnahmen zulassen, in vollem Gang. Am 30. August 2017 richteten wir einen speziellen «Bondo-Fonds» mit 500'000 Franken für Sofortmassnahmen ein. Der damit verbundene Spendenaufruf löste eine grossartige Solidaritätsbekundung bei Privatpersonen, Gemeinden, Städten, Kantonen, Organisationen und Firmen aus. Bis heute ist der Fonds auf über 2 Millionen Franken angewachsen.

 

Frau Giacometti, was sind die dringendsten und wichtigsten Aufgaben, die angepackt werden müssen?

Seit dem ersten Tag richten wir alle unsere Aktivitäten darauf aus, der Gemeinde Sicherheit zu geben und den Betroffenen so rasch wie möglich wieder eine gewisse Normalität zu ermöglichen. Als Erstes mussten wir das Rückhaltebecken für Murgangmaterial entleeren. Dort hatten sich fast eine halbe Million Kubikmeter Schutt, Sand und grosse Steine abgelagert. Nun müssen die Schutzbauten wieder instand gestellt werden, sodass man in Bondo, Spino und Sottoponte wieder ruhig leben und schlafen kann. Aus Gemeindesicht machen uns die grossen Schäden an der Infrastruktur zu schaffen. Wasserleitungen, Brücken, Strassen, ein Kleinwasserkraftwerk und Gebäude wurden teilweise schwer beschädigt oder zerstört. Noch können wir nicht abschätzen, wie hoch die Schäden sind. Langfristig muss der Schutz der betroffenen Ortsteile noch einmal analysiert werden. Nur so können die drei betroffenen Ortsteile weiterhin Lebens- und Arbeitsraum für die Menschen sein.

 

Wie werden die Arbeiten finanziert?

Private sind zum grössten Teil versichert. In Härtefällen hilft auch die Glückskette weiter und auch die Gemeinde wird sich wohl in einzelnen Fällen engagieren müssen. Schäden an Schutzbauten oder an der Kantonsstrasse werden zum grössten Teil von Kanton und Bund übernommen. Die Reparatur der Gemeindeinfrastrukturen wird vor allem an der Gemeinde hängenbleiben. Wir können dabei glücklicherweise auf die Schweizer Patenschaft für Berggemeinden und andere Spender zurückgreifen.

 

Mit welchen Folgeprojekten ist zu rechnen?

Das Rückhaltebecken für Murgangmaterial, das wir nach dem ersten Murgang von 2012 errichtet hatten, hat uns sehr grosse Dienste erwiesen. Zwar war es für die vielen grossen Murgänge letztlich zu klein, aber ohne das Becken wäre die Situation in Bondo noch viel schlimmer. Gemeinsam mit dem Kanton werden wir analysieren, ob wir die Sicherheit durch weitere Massnahmen verbessern können, und wie wir das finanzieren. Im Val Bondasca werden – wenn sich die Sicherheitslage verbessert hat – umfassende Arbeiten notwendig. Die Wasserversorgung von Bondo ist schwer beeinträchtigt, zwei Brücken wurden von Murgängen mitgerissen, und die Strasse wurde teilweise weggespült. Als Erstes bauen wir wieder einen sicheren Fussweg. Wir brauchen ihn, um auch bei schlechtem Wetter einen Alarmierungsposten zu erreichen.

 

Wie sieht der Zeitplan für diese Arbeiten aus?

Der Bau des Fusswegs beginnt noch im Herbst. Bei den weiteren Arbeiten lässt sich noch nichts zu den Terminen sagen. Wir brauchen zuerst Sicherheit vor Naturgefahren, dann Projekte, Finanzierung und Bewilligungen. Erst dann kann mit den Arbeiten begonnen werden.

 

Wie wird die Öffentlichkeit über den Status Quo der Arbeiten informiert?

Die Information der betroffenen Bevölkerung und natürlich auch der Öffentlichkeit in der ganzen Schweiz hat eine sehr hohe Priorität. Ausserhalb des Tals nimmt man vor allem unsere Medienarbeit wahr. In der Talgemeinde selbst sind es regelmässige Informationsabende, bei denen wir für Fragen und Anliegen der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Dazu kommen viele persönliche Gespräche, die den Betroffenen die Sicherheit geben, dass ihnen geholfen wird. Wenn die Leute wissen, was wir tun, ist unsere Arbeit leichter. Zudem haben natürlich auch alle Organisationen und Spender den Anspruch zu wissen, wie ihre Spenden eingesetzt werden.

 

Was war für Sie als Gemeindepräsidentin in dieser anspruchsvollen Zeit das schlimmste und was das schönste Erlebnis?

Am 23. August sind acht Menschen im Bergsturz ums Leben gekommen. Das ist eine Tragödie, die uns alle mitgenommen hat. Aber auch für die Menschen in Bondo, Spino und Sottoponte ist dieser Herbst eine sehr harte Prüfung. Hier im Bergell kennt jeder jeden – das Schicksal der Einzelnen lässt hier niemanden kalt. Andererseits macht mir die Nachbarschaftshilfe im Tal und die Solidarität im ganzen Land grosse Freude. Die Menschen in der Schweiz helfen sich gegenseitig. Das war auch in den grauen Tagen immer ein Lichtblick. Die Nähe und das Vertrauen der Bevölkerung hat mir in dieser schwierigen Zeit viel Kraft gegeben.

 

Wie findet der Austausch mit der Schweizer Patenschaft für Berggemeinden statt?

Wir tauschen uns seit dem ersten Tag der Zusammenarbeit regelmässig aus. Mit der Konkretisierung der Projekte zum Wiederaufbau unserer Infrastruktur wird sich der Kontakt noch intensivieren. Die Patenschaft will sehr genau wissen, was wir vorhaben und wie welche Gelder eingesetzt werden sollen. Mich freut das, denn die Spender haben der Patenschaft nicht nur sehr viel Geld, sondern auch viel Vertrauen geschenkt.