Besuch in Bergün

 

Rund 100 Gönnerinnen und Gönner reisten am 1. März 2017 nach Bergün am Albulapass. Dort erlebten sie nicht nur den traditionellen Chalandamarz, sondern erfuhren auch viel Hintergründiges über den Schellenursli, der den Frühlingsbrauch weltberühmt machte. Spannende Informationen gab es über die Geschichte des Dorfes und sein Ortsbild von nationaler Bedeutung sowie über die Albulalinie der Rhätischen Bahn, der einzigen Schmalspurbahn mit Weltkulturlabel.

 

Am Chalandamarz wird der Winter vertrieben. Die Bergüner Kinder machten das am 1. März 2017 mit Inbrunst. In ihren Liedern beschworen sie den «Frühling in der Luft» und forderten ihn auf: «Früelig chumm scho glii.» Obwohl es in der Nacht zuvor noch geschneit hatte, kam die Sonne schon bald hinter den Wolken hervor und die Südhänge präsentierten sich schneefrei, als hätten sie dem Kinderwunsch bereits gehorcht.

 

 

Dank und Gedankenaustausch

Die Musikformation «Ils sepplis da Bravuogn» empfingen die Besucher in der Mehrzweckhalle mit ihrer fröhlichen volkstümlichen Musik. Ein Buffet lockte mit heimischen Spezialitäten. Unser Präsident, alt Bundesrat Dr. Hans-Rudolf Merz, begrüsste die Anwesenden und wies auf den doppelten Sinn der «Gönner-Fahrt» hin. Zuerst bedankte er sich bei den Gönnerinnen und Gönnern – Privatpersonen, Firmen, Stiftungen, Vereinen und Behörden – für ihr Engagement für die Bergbevölkerung. Insbesondere erwähnte er den Kanton Zürich, der mit dem Finanzausgleich bereits viel Geld in die Bergregionen umlagert, und zusätzlich wichtige Beiträge aus dem Lotteriefonds an Projekte leistet. Die Bedeutung der Fahrt erklärte er einerseits als Anschauungsunterricht über die Tätigkeit der Patenschaft, und anderseits als Gelegenheit, Gönnerinnen und Gönner mit den Vorstandsmitgliedern zum Gedankenaustausch zusammenzubringen.

 

Ein Phönix aus der Asche

Der Bergüner Gemeindepräsident Peter Nicolay blickte zurück auf eine Reihe von wichtigen Projekten, die dank der Unterstützung durch die Patenschaft realisiert werden konnten: das Ökonomiegebäude, Beheben von Unwetterschäden, eine Alpsanierung, das Gemeindefahrzeug, das Bahnmuseum, die Wasserversorgung. Er schloss seine Begrüssung mit einem grossen «Grazcha fichun». Das Mittagessen wurde im stilvollen «Blauen Saal» im Kurhaus Bergün serviert. Direktor Christof Steiner schilderte die wechselvolle Geschichte des Hauses von seiner Eröffnung 1906 bis heute. Nach einem Brand und nach schwierigen wirtschaftlichen Jahren wurde es von seinen eigenen Gästen gerettet, welche eine Aktiengesellschaft gründeten und den Betrieb langfristig sicherstellten. 2012 wurde das Kurhaus Bergün als «historisches Hotel des Jahres» ausgezeichnet, dieses Jahr erhielt es sogar den «Historic Hotels of Europe Award».

 

Als kleine Überraschung an einem für die Bahntechnik bedeutenden Ort erhielt unser Präsident, alt Bundesrat Dr. Hans-Rudolf Merz, von Herrn Heinz Urech der Firma HAG Modellbahnen GmbH, eine Modell-Lok BLS RE 465 im Patenschafts-Kleid aus der ersten Serie überreicht.

 

«Hoch oben, weit von hier...»

Nach dem Essen entführte der Lehrbeauftragte, Kulturvermittler und Übersetzer Chasper Pult das Publikum in die Welt des «Schellenursli». Wie die Autorin Selina Chönz und der Illustrator Alois Carigiet zusammenfanden und in sechs langen Jahren, sogar über konfessionelle Mauern hinweg, das Kinderbuch in der Originalfassung «Uorsin» schufen – das allein ist schon eine spannende Geschichte. Chasper Pult lüftete überdies einige Geheimnisse über den Weltbestseller, der mit den schlichten Worten «Hoch oben, weit von hier, da wohnt ein Büblein so wie ihr» beginnt – zum Beispiel liess sich Carigiet für die blaue Farbe der Berge von einer Kappe inspirieren, die Selina Chönz gestrickt hatte. Und die erste Verfilmung des Schellenursli stammt vom Schweizer Oscar-Preisträger Ernst A. Heiniger, realisiert 1953 in den Walt Disney-Studios in Hollywood. Der Film lief erfolgreich in den amerikanischen Kinos, gilt heute aber als verschollen. Den Erfolg des Buches erklärte Chasper Pult schliesslich ganz einfach damit, dass Uorsin den Glauben nicht aufgibt, Gefahren überwindet und Schwierigkeiten bewältigt, bis er sein Ziel – die «Plumpa», die grösste Glocke am Umzug – erreicht hat.

 

Häuser erzählen Geschichten

Fredo Falett, Bauer in Bergün, erzählte anschliessend die Geschichte einiger typischer Häuser. Das Dorf ist geprägt von «temporärer Auswanderung» – insbesondere die Zuckerbäcker brachten es in ganz Europa und bis nach Odessa zu Reichtum, den sie zuhause in den Schmuck ihrer Häuser investierten. So zeugen die Fassaden zwar von den schönen Seiten, dahinter verstecken sich aber auch Schicksale, Trauer und viel Heimweh ihrer Bewohner.

 

Die letzte Etappe der Gönnerfahrt war das Bahnmuseum Albula im ehemaligen Zeughaus beim Bahnhof. Neben der Modellbahn-Werkstatt von Bernhard Tarnutzer beherbergt es Wechselausstellungen zum Thema Bahn. Das Herzstück aber ist die Erlebnisausstellung über die Albulabahnlinie, die seit 2008 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Der multimediale Parcours zeigt die gesellschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründe der Bahn anschaulich auf. Hier könnte man längere Zeit verbringen – ein weiterer guter Grund um wieder nach Bergün zu kommen, am besten mit der einzigartigen Albulabahn.